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Bestellzyklus optimieren: 4 Fehler in der Lagerhaltung medizinischer Verbrauchsartikel
Die Lagerhaltung von Verbrauchsmaterial gehört zu den Aufgaben, die in Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen nebenbei mitlaufen. Meistens kümmert sich eine Mitarbeiterin „mit", oft im Anschluss an die eigentliche Patientenarbeit, oft ohne ausdrücklichen Auftrag. Das funktioniert solange, wie das Material reicht – und genau dann nicht mehr, wenn am Montagmorgen die Handschuhe ausgehen oder die letzte Charge Alkoholtupfer abgelaufen ist. Diese Momente sind nicht zufällig. Sie sind das vorhersehbare Ergebnis von vier typischen Lagerhaltungsfehlern, die wir in diesem Beitrag durchgehen.
Der Beitrag richtet sich an Praxismanager, Einkäufer in Pflegeeinrichtungen und alle, die für die Materialwirtschaft in einer kleinen bis mittleren medizinischen Einrichtung zuständig sind. Wir beschränken uns bewusst auf einfache, sofort umsetzbare Methoden – keine ERP-Systeme, keine SAP-Schulungen, sondern Werkzeuge, die mit einem Tabellenblatt und 30 Minuten pro Woche funktionieren.
Warum die Lagerhaltung in Praxen oft unstrukturiert ist
Bevor wir zu den Fehlern kommen, eine kurze Einordnung: Warum ist die Materialwirtschaft in den meisten Praxen kein definierter Prozess? Drei Gründe spielen typischerweise zusammen:
- Die zuständige Person ist gleichzeitig medizinische Assistentin, Empfangskraft und Materialverwalterin – mit klarer Priorität auf den Patientenstrom
- Es gibt keine schriftliche Aufgabenbeschreibung für die Materialwirtschaft, also auch keine Vorgaben zu Bestellpunkten, Lieferanten oder Verfallskontrolle
- Erfolge in der Lagerhaltung sind unsichtbar – wer richtig disponiert, wird nicht gelobt; wer eine Lücke hat, wird kritisiert. Das schafft Vorsicht statt Optimierung
Das führt zur typischen Praxis-Lagerhaltung: hoher Sicherheitsbestand bei Standard-Artikeln, gefühltes Nachbestellen statt systematischer Disposition, regelmäßige Notbestellungen bei vergessenen Artikeln. Wirtschaftlich ist das nicht – aber es ist verständlich. Die nun folgenden vier Fehler beschreiben, wo diese Praxis-Routine die wirtschaftlich teuersten Effekte produziert.
Fehler 1: Kein systematischer Mindestbestand
Der häufigste und wirkungsvollste Fehler: Es gibt keinen definierten Mindestbestand pro Artikel, bei dessen Erreichen automatisch eine Nachbestellung ausgelöst wird. Stattdessen wird „nach Gefühl" disponiert – meistens dann, wenn jemandem auffällt, dass die Schublade leer aussieht.
Die Konsequenz: Schwankungen im Verbrauch werden nicht gepuffert. Eine Woche mit unerwartet vielen Verbandwechseln oder eine Lieferverzögerung des Großhandels führt zu echten Versorgungslücken. Die Reaktion ist meistens eine Express-Bestellung mit Express-Versand – beides teurer als planmäßige Bestellung.
Die Lösung ist denkbar einfach. Pro Artikel werden zwei Werte definiert:
- Bestellpunkt: Bei diesem Bestand wird neu bestellt. Berechnung: durchschnittlicher Wochenverbrauch × Wochen Lieferzeit + Sicherheitsbestand. Beispiel: 5 Packungen pro Woche, 1 Woche Lieferzeit, Sicherheitsbestand 1 Woche = Bestellpunkt bei 10 Packungen.
- Bestellmenge: Wie viel pro Bestellung. Üblicherweise so dimensioniert, dass der Vorrat 4 bis 8 Wochen reicht – kürzer bei sperrigem Material oder begrenztem Lagerplatz, länger bei Mengenrabatten.
Diese beiden Werte werden in eine einfache Tabelle eingetragen. Wer einmal pro Woche durchs Lager geht und Bestände kontrolliert, kommt mit etwa 20 Minuten pro Woche durch. Die Anzahl der Notbestellungen sinkt typischerweise um 70 bis 90 Prozent.
Fehler 2: Keine ABC-Analyse – Top-Verbrauchsmaterial wird wie Nischenartikel behandelt
Der zweite klassische Fehler: Alle Artikel werden gleich behandelt. Der Klopapierhalter im Personal-WC bekommt dieselbe Aufmerksamkeit wie die täglich verwendeten Handschuhe und die teuren Spezialinstrumente. Das verschwendet Zeit – und führt dazu, dass die wirklich wichtigen Artikel zu wenig Sorgfalt bekommen.
Die Lösung ist eine einfache ABC-Analyse. Sie teilt das Sortiment in drei Klassen ein – nach Verbrauchsvolumen, nicht nach Stückpreis:
Klasse | Beschreibung | Bestellrhythmus |
A | Top-Verbrauchsmaterial (10–20 % der Artikel, 70–80 % des Volumens) – Handschuhe, Tupfer, Spritzen, Kanülen, Pflaster | wöchentliche Kontrolle, präziser Mindestbestand, evtl. Rahmenvertrag |
B | Mittlerer Verbrauch (30 % der Artikel, 15–20 % des Volumens) – Verbandstoffe, Hautdesinfektion, Wischtücher | zweiwöchentliche Kontrolle, einfacher Mindestbestand |
C | Niedriger Verbrauch (50–60 % der Artikel, 5–10 % des Volumens) – Spezialartikel, gelegentlich gebrauchtes Material | monatliche oder ereignisbasierte Kontrolle |
Diese Klassifizierung erlaubt es, die wöchentlichen 20 Minuten Lagerkontrolle gezielt einzusetzen. Die A-Artikel werden konsequent geprüft, weil Lücken hier am teuersten sind. C-Artikel können auch mal vier Wochen liegen – einer Versorgungslücke beim sterilen OP-Pflaster, das einmal im Monat gebraucht wird, kann durch Express-Bestellung begegnet werden, ohne dass es jemandem schadet.
Fehler 3: FIFO wird nicht eingehalten – Verfallsdaten werden überraschend zur Belastung
FIFO steht für „First In, First Out" – das zuerst eingelagerte Material wird zuerst entnommen. In der Theorie ein Selbstverständnis. In der Praxis das genaue Gegenteil: Eine neue Lieferung kommt an, wird oben auf den Stapel gelegt, das alte Material rutscht nach unten. Wenn dann entnommen wird, kommt das Material von oben – also das frischeste. Das alte Material wandert nach hinten und gerät in Vergessenheit.
Die Folge ist vorhersehbar: Bei der nächsten Inventur fällt auf, dass eine ganze Packung Alkoholtupfer abgelaufen ist. Die Packung war seit zwei Jahren da, immer wieder durch frische Lieferungen überdeckt. Bei einer Praxis mit 1.000 Euro Materialwert im Lager und einer durchschnittlichen Verfallsquote von 3 bis 5 Prozent verlieren Sie pro Jahr 30 bis 50 Euro – nicht viel, aber vermeidbar. Bei größeren Lagern (Pflegeheimen, Ambulatorien) skaliert das auf vierstellige Beträge.
Die Lösung erfordert keine Investition, sondern eine Organisationsentscheidung:
- Neue Lieferungen werden nach hinten oder nach unten einsortiert, nicht obenauf
- Eine kurze Inventur-Routine alle 6 bis 8 Wochen, bei der Verfallsdaten auf den Packungen geprüft werden
- Artikel mit Verfall innerhalb von 3 Monaten markiert (z. B. mit einem Klebepunkt) und priorisiert verwendet
- Bei Materialwagen und Spendern auch innerhalb der Spender FIFO einhalten – die alten Packungen unten, die neuen oben
Eine konsequente FIFO-Praxis reduziert die Verfallsquote auf unter 1 Prozent. Bei der durchschnittlichen Praxis spart das wenige Euro – bei größeren Einrichtungen rechnet es sich messbar.
Fehler 4: Bestellung über zu viele Lieferanten
Der vierte Fehler ist ein Klassiker, der historisch gewachsen ist: Eine Praxis bezieht Handschuhe von Lieferant A, Verbandsmaterial von Lieferant B, Spritzen von Lieferant C, Hautdesinfektion von Lieferant D – jeder Artikel von dem, der gerade am günstigsten war. Was wie eine optimale Einkaufsstrategie aussieht, ist in der Vollkostenrechnung meistens teurer als die Konsolidierung.
Was Bestellungen über mehrere Lieferanten tatsächlich kosten:
- Mehr Bestellvorgänge – pro Lieferant mindestens 10 Minuten Aufwand für Erstellung, Prüfung, Buchung
- Mehr Wareneingänge – jede Lieferung muss angenommen, geprüft und einsortiert werden
- Mehr Rechnungen – mehr Buchungsaufwand, mehr Zahlungsvorgänge, mehr Bankgebühren
- Mehr Versandkosten – kleinere Bestellmengen pro Lieferant ergeben oft Mindermengenzuschläge
- Verlorene Mengenrabatte – Stückzahlen pro Lieferant zu klein, um Rabattstufen zu erreichen
- Mehr Kommunikationsschnittstellen – mehr Ansprechpartner, mehr Telefonate, mehr Verzögerungen bei Rückfragen
Eine vernünftige Konsolidierung läuft typischerweise so: Ein bis zwei Hauptlieferanten decken 80 Prozent des Verbrauchs ab (die A-Artikel und die meisten B-Artikel). Ein dritter Spezialist kommt für Nischenartikel dazu. Dieser Setup reduziert den administrativen Aufwand spürbar, ermöglicht Rahmenverträge mit Mengenrabatten und etabliert verlässliche persönliche Ansprechpartner im Innendienst – die im Notfall wissen, wer Sie sind und was Sie brauchen.
Eine einfache Bestelldisziplin in 5 Schritten
Wer die vier Fehler angehen will, braucht kein ERP-System. Folgende Schritte lassen sich in einer Excel-Tabelle umsetzen:
Schritt | Was zu tun ist | Aufwand |
1 | Inventur des aktuellen Bestands – einmalig, vollständig | einmalig 2–4 Stunden |
2 | Verbrauchsanalyse über die letzten 12 Monate aus den Rechnungen | einmalig 1–2 Stunden |
3 | Bestellpunkt und Bestellmenge pro Artikel festlegen, ABC-Klasse zuordnen | einmalig 1 Stunde |
4 | Wöchentliche Kontrolle der A- und B-Artikel, monatlich der C-Artikel | 30 Minuten pro Woche |
5 | Halbjährliche Lieferanten-Review – wo lohnt sich Konsolidierung, wo ein Rahmenvertrag | 2 × pro Jahr 1 Stunde |
Der einmalige Setup-Aufwand liegt bei 4 bis 7 Stunden, der laufende Aufwand bei rund 30 Minuten pro Woche. Im Gegenzug verschwinden Notbestellungen, Verfallsverluste und die typischen Materialwirtschafts-Stresssituationen am Montagmorgen.
Excel-Tabelle vs. Software-Lösungen
Müssen Sie eine spezialisierte Software anschaffen? In den allermeisten Fällen nicht. Eine gut strukturierte Excel-Tabelle mit den Spalten Artikelnummer, Bezeichnung, Wochenverbrauch, Bestellpunkt, Bestellmenge, Lieferant und ABC-Klasse erfüllt den Zweck für Einrichtungen bis zu mehreren tausend Bestellpositionen pro Jahr. Komplexere Software (Warenwirtschaftssysteme, ERP-Module) lohnt sich erst, wenn:
- mehrere Standorte zentral disponiert werden
- die Lagerhaltung an die Patientenabrechnung gekoppelt sein soll (Materialverbrauchsdokumentation)
- automatisierte Bestellauslösung über Schnittstellen zum Lieferanten gewünscht ist
- die Inventarwerte buchhalterisch zwingend exakt geführt werden müssen
Für die typische Praxis, das mittelgroße Pflegeheim oder die Apotheke reicht Excel oder ein vergleichbares Tabellenwerkzeug. Wichtig ist nicht das System, sondern die Disziplin, mit der es geführt wird.
Was Lieferanten dazu beitragen können
Ein guter Verbrauchsmaterial-Lieferant ist mehr als ein Versender. Was Sie von Ihrem Innendienst erwarten können sollten:
- Verbrauchsstatistik der letzten 12 Monate auf Anfrage – das spart Ihnen die manuelle Auswertung aus Rechnungen
- Beratung zu Rahmenverträgen mit Mengenrabatt für Ihre A-Artikel
- Sortimentsvorschläge auf Basis Ihres aktuellen Bestellverhaltens (was bestellen Sie selten, könnte aber zu Ihrem Profil passen)
- Lieferzeit-Garantien und im Notfall Express-Lieferung ohne große Bürokratie
- Persönliche Ansprechpartner, die nicht jedes Mal von vorne anfangen müssen
Wir bieten diese Leistungen für unsere Kunden standardmäßig an – wenn Sie unsicher sind, was Sie konkret nutzen können, sprechen Sie uns an. Eine kurze Bestandsaufnahme über Ihr aktuelles Bestellprofil dauert 20 Minuten und ergibt häufig sofort umsetzbare Einsparmöglichkeiten.
FAQ
Wie viel Sicherheitsbestand ist sinnvoll?
Als Faustregel: bei A-Artikeln eine Woche Verbrauch, bei B-Artikeln zwei Wochen, bei C-Artikeln ein Monat. In Einrichtungen mit besonderem Liefer-Risiko (entlegene Lage, kritische Patientengruppe) kann der Sicherheitsbestand höher liegen – mehr als drei Wochen lohnt sich aber selten, weil die Kapitalbindung im Lager dann den Liefer-Risiko-Schutz übersteigt.
Was tun bei stark schwankendem Verbrauch (saisonal, ereignisbasiert)?
Schwankungen müssen vorhergesagt werden, nicht überdeckt. Bei klar saisonalen Mustern – etwa Erkältungssaison im Herbst und Winter – wird der Bestellpunkt für die betroffenen Artikel temporär angehoben, idealerweise mit einem Kalenderhinweis im System. Bei unvorhersehbaren Schwankungen hilft nur ein höherer Sicherheitsbestand für die kritischen Artikel.
Ab welcher Größe lohnt sich eine eigenständige Software?
Eine grobe Faustregel: ab etwa 1.000 verschiedenen Artikelpositionen oder ab mehreren parallel zu disponierenden Standorten wird Excel mühsam. Auch wenn die Lagerhaltung an andere Prozesse gekoppelt sein muss (Abrechnung, Buchhaltung, automatische Bestellauslösung), wird Software interessant. In typischen einzelnen Praxen und Pflegeheimen ist Excel ausreichend.
Wer sollte für die Lagerhaltung verantwortlich sein?
Idealerweise eine einzige Person mit klarer Aufgabenbeschreibung – nicht „alle, die gerade Zeit haben". Das ist die wichtigste Strukturentscheidung. Diese Person braucht 30 Minuten pro Woche und ein Mandat, Bestellungen ohne Rückfrage auszulösen, sobald die definierten Bestellpunkte erreicht sind. Genehmigungspflicht für jeden Vorgang lähmt die Routine.
Wie erkenne ich, ob meine aktuelle Lagerhaltung wirklich teuer ist?
Drei Indikatoren: (1) Anzahl der Express-/Notbestellungen pro Quartal – mehr als drei ist ein Warnsignal; (2) jährliche Verfallsverluste in Euro – über 1 % des Materialwerts ist optimierbar; (3) Anzahl der unterschiedlichen Lieferanten – mehr als fünf für Standard-Verbrauchsmaterial deutet auf fehlende Konsolidierung hin.
Bestellung und Beratung
Wir unterstützen Sie gerne dabei, Ihren Bestellzyklus zu strukturieren. Auf Anfrage stellen wir Ihnen eine 12-Monats-Auswertung Ihres bisherigen Bestellverhaltens zur Verfügung – einschließlich Vorschlägen für Rahmenverträge bei den A-Artikeln. Erreichen Sie unseren Innendienst unter +43 6245 84051 oder per E-Mail an office@kaeb.at.
