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Verbandwechsel bei chronischen Wunden: 7 Punkte, die in der Pflege oft vergessen werden
Wer in der Wundversorgung arbeitet, kennt das Spannungsfeld: Die Zeit pro Patientin ist knapp, die Verbandwechsel summieren sich über den Tag, und in den meisten Pflegeeinrichtungen ist die ausgebildete Wundmanagerin nicht jederzeit verfügbar. Was dabei systematisch leidet, ist nicht das Auflegen der Wundauflage – das passiert verlässlich. Es sind die Schritte davor und daneben, die in der Hektik untergehen und deren Auslassen genau die Heilungsverläufe erklärt, über die in den Wundbesprechungen geseufzt wird.
Wir haben in diesem Beitrag sieben Punkte zusammengetragen, die in unseren Schulungen und Vor-Ort-Beratungen am häufigsten als Verbesserungspotenzial auftauchen. Es geht nicht um neue Erkenntnisse – jeder Punkt steht in der einschlägigen Fachliteratur und in den Empfehlungen der Initiative Chronische Wunden ICW. Es geht darum, was in der Praxis tatsächlich gemacht wird – und was eben nicht.
1. Schmerzmanagement vor dem Verbandwechsel
Der erste und vielleicht am meisten unterschätzte Punkt. Patientinnen mit chronischen Wunden haben Schmerzen, oft mit einer deutlichen Spitze beim Verbandwechsel selbst – beim Lösen der alten Auflage, beim Reinigen, beim Débridieren. Wer den Verbandwechsel ohne vorherige Analgesie durchführt, riskiert nicht nur unnötiges Leid, sondern auch eine Verschlechterung der Patientencompliance: Wer sich vor dem Wechsel fürchtet, drängt auf längere Intervalle, was wiederum die Heilung verzögert.
Die praktische Konsequenz ist einfach umzusetzen: Bei jedem Verbandwechsel chronischer Wunden 30 bis 45 Minuten vorher die Bedarfsanalgesie verabreichen – meistens reicht ein nicht-opioides Analgetikum nach interner Standardvorgabe. Bei stark schmerzhaften Verbandwechseln, etwa bei Ulcus cruris venosum mit großflächiger Wunde, lohnt sich die Rücksprache mit dem behandelnden Arzt zu einer regelmäßigen Schmerztherapie. Zusätzlich kann bei besonders sensiblen Wunden ein Lokalanästhetikum eingesetzt werden – Lidocain-Gel wirkt nach kurzer Einwirkzeit, ist nebenwirkungsarm und nicht verschreibungspflichtig in geringer Konzentration.
2. Aseptische Vorbereitung und non-touch-Technik
Die zweite Stolperfalle ist die Vorbereitung. In einer idealen Welt wird vor jedem Verbandwechsel das Bett oder die Behandlungsliege frisch bezogen, ein Beistelltisch desinfiziert, das gesamte Material bereitgelegt und erst dann mit dem Verbandwechsel begonnen. In der Praxis fehlt oft ein Element – meistens ist es das saubere Arbeitsfeld oder die vorbereitete Materialschiene.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen aseptischer und sauberer Technik. Für chronische Wunden ohne Anzeichen einer aktiven Infektion ist in der Regel die saubere Technik ausreichend – Handschuhe sind unsteril, das Material wird mit sauberen, nicht zwingend sterilen Instrumenten gehandhabt. Die non-touch-Technik ist dabei das Schlüsselprinzip: Die Wunde und die wundnahe Auflage werden nicht direkt mit den Handschuhen berührt, sondern nur mit sterilen Instrumenten – Pinzette, Watteträger, Spritze. So bleibt die Keimbelastung auch ohne durchgehend sterile Bedingungen niedrig.
Was in der Praxis häufig fehlt: das Material wird während des Verbandwechsels nachgeholt. Wer mitten in der Arbeit zum Schrank geht, weil eine Mullbinde fehlt, kontaminiert sich entweder oder muss komplett neu beginnen. Eine konsequent vorbereitete Materialschale spart am Ende mehr Zeit, als ihre Vorbereitung kostet.
3. Atraumatische Entfernung des alten Verbands
Der dritte Punkt klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Festklebende Verbände werden in der Praxis regelmäßig einfach abgerissen – sei es aus Zeitdruck, sei es weil die Pflegekraft die Auswirkungen unterschätzt. Die Folge sind nicht nur Schmerzen, sondern reale Schäden: Neugebildetes Gewebe an den Wundrändern wird mit abgerissen, die Wundheilung beginnt von vorne, die Wunde vergrößert sich über Wochen statt zu schrumpfen.
Die einfache Alternative: Bei festklebenden Auflagen den Verband mit physiologischer Kochsalzlösung oder Ringer-Lactat anfeuchten und einige Minuten einwirken lassen. Bei besonders empfindlicher Wundumgebung lohnt sich der Einsatz eines silikonbasierten Klebelösers. Die zwei Minuten Geduld an dieser Stelle sind oft der Unterschied zwischen einer Wunde, die in acht Wochen heilt, und einer, die nach sechs Monaten noch immer offen ist.
4. Wundspülung – die richtige Lösung, der richtige Druck
Die Wundspülung wird in der Praxis häufig auf das Niveau einer rituellen Handlung reduziert: kurz mit Kochsalzlösung benetzen, abtupfen, weiter. Die Spülung hat aber drei klar definierte Aufgaben, die nur erfüllt werden, wenn sie ernsthaft durchgeführt wird:
- Mechanische Entfernung von Detritus, Wundsekret und losen Belägen
- Reduktion der Keimlast durch Verdünnung und Abtransport
- Vorbereitung der Wundinspektion durch ein sauberes Wundbett
Die richtige Lösung hängt vom Wundzustand ab. Für die routinemäßige Reinigung sauberer, granulierender Wunden reicht physiologische Kochsalzlösung oder Ringer-Lactat. Für Wunden mit Belägen oder Infektionsverdacht sind antiseptische Wundspüllösungen auf Polyhexanid- oder Octenidin-Basis Standard. Wasserstoffperoxid und Povidon-Iod sind in der modernen Wundversorgung weitgehend obsolet – sie schädigen die Granulation und sind nur in spezifischen Ausnahmen indiziert.
Der Druck der Spülung wird häufig falsch dosiert. Ein leichtes Beträufeln ist keine Spülung – die mechanische Komponente fehlt. Empfohlen wird ein leichter, kontinuierlicher Strahl, der mit einer 20-ml-Einmalspritze und einer aufgesetzten stumpfen Kanüle gut erreichbar ist. Hochdruckspülungen mit dem Sprühkopf einer Flasche sind dagegen kontraproduktiv, weil sie Erreger in tieferes Gewebe einbringen können.
5. Wundrandschutz – die perilesionale Haut nicht vergessen
Der fünfte Punkt ist der mit dem höchsten Verbesserungspotenzial. Die Haut im Umkreis von zwei bis fünf Zentimetern um die eigentliche Wunde – die perilesionale Haut – steht unter ständiger Belastung: Wundsekret weicht sie auf, Kleber reizt sie, mechanische Bewegung beim Verbandwechsel zerrt an ihr. Bei vielen chronischen Wunden ist die perilesionale Haut der Grund, warum die Wunde nicht heilt: Sie weitet sich nach außen, weil der Wundrand mazeriert ist.
Was hier hilft, ist konsequenter Wundrandschutz mit einer Zinkpaste, einem barrierebildenden Hautschutzfilm (etwa auf Silikonbasis) oder einem Hydrokolloid-Streifen rund um die Wunde. Welches Produkt das richtige ist, hängt vom Wundtyp und der Sekretmenge ab – wichtig ist, dass überhaupt aktiv geschützt wird. Ohne Wundrandschutz wandert das Wundgeschehen in das umgebende Gewebe, und die Auflage allein kann das nicht verhindern.
6. Phasengerechte Auswahl der Wundauflage – das TIME-Konzept
Sechster Punkt: die Auflage selbst. Hier ist die Praxis im Vergleich zu vor zehn Jahren deutlich besser geworden – das Konzept der feuchten Wundheilung hat sich in der breiten Anwendung durchgesetzt. Was aber häufig fehlt, ist die phasengerechte Auswahl. Eine Wunde durchläuft im Heilungsverlauf vier Phasen, und jede Phase hat eigene Anforderungen an die Auflage. Das TIME-Konzept (Tissue, Inflammation/Infection, Moisture, Edge of wound) ist dabei das international etablierte Bewertungsraster.
Phase | Wundzustand | Auflage-Klasse |
Reinigung | Beläge, Nekrosen, hohes Exsudat | Alginate, Hydrofaser, NPWT |
Granulation | rotes Gewebe, mittleres Exsudat | |
Epithelisierung | flach, neue Hautbildung, wenig Exsudat | Hydrokolloide, dünne Schäume, Folien |
Infektionszeichen | gerötet, eitrig, geruchsbildend | silberhaltige Auflagen, PHMB-haltige |
Wer in jeder Phase mit derselben Auflage arbeitet, lässt Heilungspotenzial liegen. Eine Schaumstoffauflage auf einer trockenen, epithelisierenden Wunde trocknet die wenigen Sekretreste aus und verzögert die Heilung. Ein Hydrokolloid auf einer stark exsudierenden Wunde quillt durch und verliert nach Stunden die Klebewirkung. Die Auflage soll zur Wunde passen, nicht umgekehrt.
7. Dokumentation – mehr als ein Häkchen auf dem Formular
Der siebte und letzte Punkt: die Dokumentation. Sie wird in vielen Häusern als Pflichtübung erlebt, ist aber das einzige Instrument, mit dem sich Heilungsverläufe objektiv beurteilen lassen. Was zur sauberen Wunddokumentation gehört:
- Datum und Uhrzeit des Verbandwechsels
- Wundgröße in zwei Dimensionen, bei Wunden mit Tiefe auch die Tiefe
- Wundzustand nach TIME-Kriterien: Gewebe, Inflammation, Moisture, Wundrand
- Exsudat: Menge, Farbe, Geruch
- Schmerzangabe der Patientin auf einer numerischen Skala
- Verwendete Materialien mit Charge, sofern dokumentationspflichtig
- Bei Fotos: standardisierte Aufnahme mit Lineal im Bild, gleicher Abstand, gleiche Belichtung
Die Fotodokumentation ist dabei der vielleicht wirksamste Hebel überhaupt. Wer eine Wunde nur in Worten dokumentiert, hat nach drei Wochen kein verlässliches Vergleichsmaterial. Mit standardisierten Fotos – idealerweise immer aus demselben Winkel, mit derselben Distanz und einem Lineal – lässt sich die Heilung objektiv beurteilen. Auch Ärztinnen und Wundmanagerinnen, die nicht bei jedem Verbandwechsel anwesend sind, können so qualifizierte Entscheidungen treffen.
Zusammenfassung: die 7 Punkte auf einen Blick
Nr. | Punkt | Was am häufigsten vergessen wird |
1 | Schmerzmanagement | Analgesie 30 Min. vor Wechsel |
2 | Aseptische Vorbereitung | Material komplett vorbereiten |
3 | Atraumatische Entfernung | Verband anfeuchten, nicht reißen |
4 | Wundspülung | Richtige Lösung, leichter Druck |
5 | Wundrandschutz | Perilesionale Haut schützen |
6 | Phasengerechte Auflage | TIME-Konzept anwenden |
7 | Dokumentation | Foto mit Lineal, TIME-Kriterien |
FAQ
Wie häufig sollte ein Verbandwechsel bei chronischen Wunden erfolgen?
Die Frequenz hängt vom Wundzustand und der gewählten Auflage ab. Moderne hydroaktive Auflagen sind oft für mehrere Tage konzipiert – ein zu häufiger Wechsel stört das feuchte Wundmilieu und die Heilung. Stark exsudierende Wunden, infizierte Wunden oder Wunden in instabilem Zustand erfordern dagegen tägliche oder noch häufigere Wechsel. Eine pauschale Antwort gibt es nicht; die Frequenz richtet sich nach dem klinischen Bild.
Wer darf einen Verbandwechsel bei chronischen Wunden durchführen?
In Österreich ist der Verbandwechsel grundsätzlich eine pflegerische Tätigkeit, die von ausgebildetem Pflegepersonal durchgeführt werden kann. Für komplexe Wunden – etwa mit Débridement-Anteil – sind ärztliche Anordnung oder die Durchführung durch eine zertifizierte Wundmanagerin sinnvoll. Die jeweilige interne Standardvorgabe (Wundstandard, Pflegestandard) regelt das genaue Vorgehen.
Wann sollte eine externe Wundberatung hinzugezogen werden?
Spätestens dann, wenn sich nach vier Wochen leitliniengerechter Versorgung keine objektive Verbesserung zeigt. Ein zertifizierter Wundmanager oder eine spezialisierte Wundambulanz kann in solchen Fällen Diagnostik und Therapieplan überprüfen. Die Verzögerung der Vorstellung ist einer der häufigsten Gründe für protrahierte Heilungsverläufe.
Welche Rolle spielt die Ernährung?
Eine zentrale, oft unterschätzte. Chronische Wunden brauchen Eiweiß, Mikronährstoffe (besonders Zink, Vitamin C, Vitamin A) und ausreichend Kalorien für die Geweberegeneration. Bei mangelernährten Patientinnen – häufig in der Geriatrie – ist ein Ernährungsassessment Teil des Wundkonzepts. Auch der Diabetes-Status, der Hb-Wert und der Allgemeinzustand sind regelmäßig zu prüfen.
Wie wird die Patientin oder der Patient sinnvoll eingebunden?
Die Patientencompliance ist einer der wichtigsten Heilungsfaktoren überhaupt. Wer versteht, warum die Kompression bei venösen Ulcera so wichtig ist oder warum die Druckentlastung beim Dekubitus konsequent erfolgen muss, hält die Therapie mit. Eine kurze, klare Erklärung beim ersten Verbandwechsel – idealerweise mit einer schriftlichen Information zum Mitnehmen – verändert oft den ganzen Verlauf.
Material für die professionelle Wundversorgung
Wir führen in unserem Sortiment die wichtigsten Komponenten für die strukturierte Wundversorgung – von der Wundspüllösung über phasengerechte Auflagen bis zur Fixierung. Bei der Auswahl der passenden Produkte für Ihre Einrichtung oder Ihre konkrete Patientensituation beraten wir gerne persönlich. Unser Innendienst ist unter +43 6245 84051 erreichbar, per E-Mail unter office@kaeb.at.
